Von Gibraltar auf die Kanaren im Januar 1997

Im Dezember 1996 fasse ich, gebeutelt von privaten Tiefschlägen, den Entschluss, ausnahmsweise einmal im Winter segeln zu gehen, um auf andere Gedanken zu kommen, frei nach der Devise "Die See reinigt". Meine langjährige Segelfreundin Kirsten und ich haben etwas Zeit und Geld für einen zweiwöchigen Kanarentörn. Die Seele möge im milden Passatwind baumeln, während die Heimat bibbert. So stellen wir uns das vor...

Einige Tage vor Reiseantritt habe ich den etwas verzweifelt klingenden Veranstalter am Telefon. Unsere Vorgänger, die die Gib Sea 422 dorthin segeln sollten, sind auf dem Rückweg. Sie haben tagelang vor Lanzarote gegenan gekreuzt, aber schließlich keine Höhe mehr gemacht, so dass sie sich entschlossen haben, Casablanca anzulaufen. Wegen Legerwallgefahr ziehen sie es dann jedoch vor, wieder nach Südspanien zu steuern, von wo sie gekommen sind.

Die Wettersituation dort unten zeigt die Karte vom 14. Januar 1997:

Tief nördlich Kanaren. Kräftiges Südwestgebläse vor der marrokanischen Küste. Diese Situation ist nicht selten in den letzen Jahren. Zwar steht noch in allerlei Reiseführern die Mär vom dauerhaft stabilen Hochdruckwetter, aber befragt man Yachties vor Ort oder langjährige Touristen, so erfährt man von einer auffälligen Häufung von Tiefdruckstörungen.

Jedenfalls ist die Yacht bei Malaga (Südspanien) anstatt Las Palmas. Der Veranstalter bietet uns ersatzweise an, entweder zwei Wochen im westlichen Mittelmeer herumzusegeln, oder die Überführung erneut zu versuchen. Vom regnerischen Mittelmeerwinter weiss ich zu dieser Zeit bereits genug, und beschwöre ihn nach ausführlichem Studium der verfügbaren Prognosekarten, den Rest der Besatzung zu überreden, die Überführung mitzumachen. Der Deutsche Wetterdienst, den er eigens konsultiert, bestätigt meine Einschätzung, dass sich der Nordost-Passat wieder aufbauen und die Überfahrt begünstigen wird.

Zehn Tage später, 24. Januar 1997:

Hoch Kanaren, Tief Spanien, Marokko, Algerien. Also genau wie vorhergesagt. Wir sind zu dieser Zeit bereits im Atlantik. Die erste Nacht auf dem Ozean wird für vier Mitsegler zur Feuertaufe. Bisher nur Mallorca-erfahren, werden sie Opfer der Seekrankheit, stehen aber tapfer ihre Ruderwachen. Die Verhältnisse in dieser Nacht sind tatsächlich etwas ruppig. Der Wind hat geschralt und ist vorübergehend auf 7 Bft hochgegangen.

Es folgen Tage des legendären Passatsegelns. Morgens wird der Spinnaker gesetzt, abends weicht er der Genua. Die Tagestemperaturen liegen bei knapp 20°C. Gleichmäßiger Wind von Achtern schiebt die Yacht voran, unter ständigem Auf und Ab einer die Windsee überlagernden, hohen Atlantikdünung aus Nord. Gelegentliche Regenfälle stören die positive Witterungswahrnehmung nur geringfügig. Besonders eindrucksvoll die Nächte in diesem Januar. In Kiel- und Bugwelle glitzern Milliarden von Leuchtalgen im Mondlicht. Tagsüber werden Delphine zu regelmäßigen Begleitern. Manchmal sichtet man auch fliegende Fische. Die Leiden der Seekranken sind schnell vergessen.

Am Morgen des vierten Tages taucht Lanzarote, die östlichste Kanareninsel am Horizont auf. Die Freude an Bord, das intensive Gefühl des Ankommens, sind unbeschreiblich. Abends machen wir erleichtert fest.

Seemannschaftliches Fazit: