In der Falle

In eine Falle tappen manchmal Mittelmeerneulinge mit Erfahrungen auf heimischen Revieren. Angenommen, Sie wachen in einem südfranzösischen Hafen auf, und das Wetter ist plötzlich grau. Am Abend zuvor beobachteten Sie schon verdichtende Cirren aus West und vielleicht etwas Dünung. Im Laufe des Vormittags klart es dann aber wieder auf und das Barometer steigt.

Prima, denken Sie sich, denn Sie haben gelernt, dass steigender Luftdruck Wetterbesserung verheißt; dann machen wir doch am besten die kleine Etappe in den nächsten Hafen bei schönem Nachmittagswetter. Sie laufen also aus.

Nun geraten sie in eine Falle. Nach einer halben Stunde sind sie schon 3 Seemeilen von der Küste entfernt, als plötzlich heftige, ablandige Böen einfallen. Über den Bergen im Binnenland erscheinen einzelne, ortsfeste Cumuli. Die Luft wird klar wie nach einem Aprilschauer, Alpengipfel werden sichtbar. Rasch steigt der Mittelwind auf 9 Bft, in Böen 10 Bft oder mehr, und die See siedet.

An ein Umkehren ist jetzt nicht mehr zu denken, denn Sie haben alles gegen sich: Einen böigen, ablandigen Mistral-Sturm mit einer steilen, kurzen Welle, in der sich ihre kleine Yacht ständig feststampft. Auch der Motor einer Segelyacht hilft hier nicht mehr. Es soll schon vorgekommen sein, dass Crews in dieser Situation nichts anderes übrig blieb, als bis Korsika oder zu den Balearen abzulaufen! Dies entspricht der Empfehlung französischer Segler, denn das gefährlichste Starkwindfeld ist meist nur eine schmale Zunge, die in den Golfe de Lyon hineinragt. Rechts und links davon sind die Verhältnisse zwar auch schwierig, aber einigermaßen zu bewältigen. Man sollte also nicht platt vor dem Wind ablaufen, sondern mit raumem bis halben Wind.

Die Frage ist, wie so etwas trotz Wetterbesserung und steigendem Luftdruck auftreten kann. Das ist ganz einfach. Ein Trog ist mit Tiefdruckbildung von West nach Ost durchgeschwenkt. Solche Tiefs tendieren dazu, eine Weile über dem Golf von Genua liegenzubleiben, während von Westen rasch der Hochkeil nachrückt. Die Folge ist eine enge Staffelung der Isobaren, also ein Starkwindfeld antizyklonaler Prägung. Zusätzlich erfahren solche Winde noch eine Verstärkungskomponente durch Falleffekte.

Diese Art von Winden kann zu jeder Jahreszeit an allen Nordküsten des Mittelmeeres auftreten, in der Adria auch zyklonal. Sie heissen dann nur anders. Eigenartigerweise können diese Winde in Landnähe nachts einschlafen, auf freier See aber mit unverminderter Stärke weiter toben. Auch darin liegt ein Gefahrenmoment. Mein Rat aus eigener Erfahrung: Verlieren Sie nie den Respekt vor diesen Winden!